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Jugendoffizier der Bundeswehr referierte - Nie wieder! Nie wieder Krieg? Deutsche Außen- und Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert - Hauptmann Alexander Schäbler zu Gast an der Konrad-Zuse-Schule

  • Erstellt von Michael Kühlthau (Pressebeauftragter)
  • Aktuelles, Veranstaltungen, Osthessen News, Osthessen-Zeitung

Hünfeld, 19.07.2023. Was haben eine Studienfahrt zur Gedenkstätte Buchenwald mit einer Vortragsveranstaltung über Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert zu tun? Eine ganze Menge, wenn man den beeindruckenden Ausführungen des Jugendoffiziers Alexander Schäbler folgt. Auf Einladung der Konrad-Zuse-Schule war dieser von seinem Standort in Wetzlar angereist und begleitete tags zuvor die Klassen bereits nach Weimar.

Fotos: Michael Kühlthau

Abteilungsleiterin Petra Stephanblome eröffnete im Namen der Schulleitung die Veranstaltung und begrüßte den Jugendoffizier des Landeskommandos Hessen der Bundeswehr aus Wetzlar, Herrn Hauptmann Alexander Schäbler sehr herzlich. Sie zeigte sich erleichtert, dass nun nach den Einschränkungen der Pandemie-Jahre die Studienfahrt zur Gedenkstätte Buchenwald möglich war, die von Herrn Schäbler begleitet wurde und dankte ihm mit einem Tablet-Etui aus Filz mit dem Logo der Konrad-Zuse-Schule. Es sei ein starker Kontrast zwischen der Kulturstadt Weimar und der Unkultur auf dem Ettersberg in Buchenwald gewesen. Mit Blick auf den anstehenden Gedenktag anlässlich des 20.07.1944 sei der Besuch der Hünfelder Schülerinnen und Schüler auch von aktueller Relevanz, zumal dadurch politische Bildung gefördert und mit der Erfahrung historischen Lernens an einem authentischen Ort verknüpft werden könne. So könne der Sprung in die Gegenwart gut erfahrbar gemacht werden, dass die Geschichte des eigenen Landes auch immer etwas mit dem „Hier und Jetzt“ zu tun habe.

Organisiert wurde die Veranstaltung von den Fachlehrkräften für Geschichte, Janina Hohmann und Sabine Zimmermann, die insgesamt vier Klassen der E- und der Q-Phase des Beruflichen Gymnasiums auf der Fahrt begleiteten und das Thema bereits im Unterricht erarbeiteten.

Hauptmann Schäbler ist Referent für deutsche Sicherheitspolitik bei der Bundeswehr, der auf dieses Themenfeld den Fokus legte. Seine Aufgabe sei die Vermittlung des schwierigen Umgangs mit der deutschen Geschichte, um einen Zugang zu der nicht immer ganz einfachen Thematik zu schaffen. Seine Aufgabe sei es hingegen nicht, „Werbung“ für die Karriere bei der Bundeswehr zu machen, da es hierzu ein eigenes Karriereberatungsbüro in der Fuldaer Heinrichstraße gebe. Er führte aus, dass es deutschlandweit 94 Jugendoffiziere gebe, die wie er Vorträge mit unterschiedlichen, auch tagesaktuellen Themenschwerpunkten aus der Außen- und Sicherheitspolitik anbieten. Hauptmann Schäbler war im Sanitätsdienst im Auslandseinsatz in Mali und Afghanistan, war u. a. Ausbilder und hat über die Bundeswehr einen Master in strategischen Studien abgeschlossen. Er hat zuvor in der zivilen Psychiatrie in Berlin-Wedding gearbeitet und merkte an, dass er gedanklich gut an den Schwerpunkt Sozialwesen an der Konrad-Zuse-Schule anknüpfen könne. Auch ihm sei bei seinen Vorträgen die Beachtung des „Beutelsbacher Konsenses“ wichtig, der neben dem Überwältigungs- und Kontroversitätsgebot auch die Schülerorientierung in den Mittelpunkt des Politikunterrichts stelle.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“, zitierte der Jugendoffizier Artikel 1 aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948. Dieser Leitsatz sei aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und des Zivilisationsverbrechens des Holocaust hervorgegangen.

Auf diesem Fundament sei gerade auch der Wiederaufbau der Bundeswehr gegründet. Deutschland lag in Schutt und Asche, warum sollte 1955 also wieder eine bewaffnete Armee auf deutschem Boden nach den Erfahrungen der deutschen Geschichte aufgebaut werden? Das Befehlsrecht hatte sich damals grundlegend auf das Konzept der „Inneren Führung“ und des „Staatsbürgers in Uniform“ geändert, nachdem Soldaten das Recht und sogar die Pflicht haben, Befehle ihrer militärischen Vorgesetzten zu verweigern, wenn dieser gegen ihr Gewissen stehe. Hierdurch sollte verhindert werden, dass erneut Militär und Bürokratie die alleinige Entscheidungsgewalt in sich vereinen.

Gerade die Bürokratie sei auch prägendes Merkmal im Betrieb des Konzentrationslagers Buchenwald gewesen. In den meisten Fällen war es der „graue Erfüllungsgehilfe im Hintergrund“ und nicht der brutale Mörder, der skrupellos und gewalttätig Angst und Schrecken verbreitete. Neben der Planung der ankommenden Deportierten im Lager habe man dort stets auf die Einhaltung der Mittagspause großen Wert gelegt. So zitierte er den österreichischen Lagerhäftling Benedikt Kautsky (1895-1960): „Der Typ des farblosen Rohlings, der sein Pensum an Brutalitäten vorschriftsmäßig, sozusagen bürokratisch, erledigt, ohne je seine Mittagspause zu versäumen, war häufiger.“

Die Schülerinnen und Schüler zeigten sich sehr beeindruckt von den Ausführungen des Jugendoffiziers und machten deutlich, dass sich so etwas durchaus wiederholen könne. So nannten sie das Beispiel des Films „Die Welle“ als Sozialexperiment oder aktuelle Beispiele aus China, wo die Minderheit der Uiguren in Konzentrationslagern festgehalten würden. Auch dass Rechtsextreme in ganz Europa wieder Zulauf hätten, sei ein beängstigendes Signal. Der Jugendoffizier führte aus, dass es keineswegs sicher sei, dass es nicht wieder so komme. In Anlehnung an einen Politikwissenschaftler seien jedoch „zivilisatorische Schutzbalken“ in die Gesellschaft eingezogen, die das Risiko in einen Rückfall totalitärer Strukturen weniger möglich machten.

Mit Bezug zum fortdauernden Krieg in der Ukraine stellte Alexander Schäbler „Die 10 Prinzipien der Kriegspropaganda“ nach einer Veröffentlichung der Historikerin Anne Morelli aus dem Jahr 2001 im Plenum zur Diskussion. Kilian Vogel, Schüler der Klasse Q2c, erinnerte an den Vietnam-Krieg der USA, wo Propaganda als Kriegsmittel eingesetzt wurde oder auch schon im Mittelalter während der Kreuzzüge. So ginge Wahrheit verloren, weil man seine Position vor aller Welt zu rechtfertigen suche. Andere Bezüge sah Schäbler in Zitaten zu Reichskanzler Fürst Bismarck, Heeresreformer Carl von Clausewitz oder Napoleon. Immer wieder gehe es den Aggressoren darum, die vermeintliche Wahrheit auf ihrer Seite zu wissen.

Maximilian Becker merkte an, Schüler der Klasse Q2b, dass es auch Parallelen zum Ukraine- Krieg gebe. Hier behaupte die russische Führung, das Land von „Nazis“ zu befreien und die Ukrainer des Ostens zu beschützen, welche ethnische Russen seien. Auch im Irak-Krieg 2003 sei von US-amerikanischer Seite verbreitet worden, die irakische Führung sei im Besitz von „Weapons of mass destruction“, also Massenvernichtungswaffen, was sich im Nachhinein als Lüge herausstellte, nur um den Einmarsch von US-Truppen zu rechtfertigen.

Weiter wurde noch kontrovers diskutiert, ob es unter ethischen Gesichtspunkten „gerechte“ Kriege gebe, da jede Seite denke, nur sie befinde sich auf der richtigen. Der Verlust von Menschenleben sei der Maßstab. Leid und Grausamkeit wolle keiner sehen und jeder interpretiere das anders, was gerecht sei, wie z. B. das Konstrukt des „Befreiungskrieges“. Das internationale Recht werde immer nur dann als Argument herangezogen, wenn es den Militärstrategen und Politikern passe. Wer den Nutzen daraus ziehe, berufe sich auf das internationale Recht – so auch die Russen, die sich darauf beriefen, eine „militärische Spezialoperation“ sozusagen mit durchaus legitimen Absichten durchzuführen. Der Westen entgegne, die Russen seien widerrechtlich in die Ukraine einmarschiert, woran völkerrechtlich kein Zweifel geübt werden könne.

Hauptmann Schäbler schilderte die Ereignisse im Jahr 1999, als die Bundeswehr zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg in einen Krieg involviert war und es galt, eine Minderheit im Kosovo vor der Vernichtung durch Serbien zu schützen. Das sei nur möglich gewesen, wenn der Westen (die NATO) Serbien bombardiere – dazu gab es allerdings kein Mandat, das vom internationalen Völkerrecht der Vereinten Nationen gedeckt gewesen sei. Dieses Dilemma hat seinerzeit die Partei von Bündnis 90/Die Grünen fast zerrissen, der damalige grüne Außenminister Joschka Fischer argumentierte, dass er gelernt habe: „Nie wieder Krieg!“ – er habe aber auch gelernt: „Nie wieder Auschwitz!“.

Auch die Blauhelmmission war damals nicht erfolgreich, da man sich im UN-Sicherheitsrat nicht einig werden konnte, was den genauen Auftrag anging. Daraufhin hat man gesagt: „Wenn die Vereinten Nationen (UN) nichts unternehmen können, müssen wir als NATO-Bündnis eingreifen.“ So kam es auch zum ersten Auslandseinsatz der Bundeswehr, in dem auch deutsche Bundeswehrkampfjäger serbische Stellungen bombardierten. Selbst damals gab es Piloten, die den Befehl verweigerten. Ziel war, einen Völkermord im Kosovo zu verhindern. Andere Piloten hätten sich dagegen am Einsatz beteiligt.

Mit Bezug zum Besuch im Lager Buchenwald gab es Berichte über SS-Ärzte, auch sie waren eigentlich Mediziner mit hippokratischem Eid, waren aber zugleich streng in die militärische Befehlskette eingebunden. So gerieten sie in fatale Konfliktsituationen und allzu oft laste die Entscheidung über Krieg und Frieden auf dem Einzelnen, so Hauptmann Schäbler. Auch heute laufe man immer wieder Gefahr, in solche Situationen zu geraten, in Konflikte und Dilemmata, in ethisch-moralische und rechtliche Konflikte. Grundsätzlich ändere sich Krieg in der gesellschaftlichen Wahrnehmung: Zu Anfang des Krieges wurden Panzerlieferungen vehement abgelehnt – mittlerweile sind längst Kampfpanzer an die Ukraine geliefert worden.

Welche Rolle soll Deutschland also in diesem Konflikt einnehmen? Deutschland habe eine Art Mittelweg eingeschlagen, die Ukraine sei militärisch unterstützt worden, aber nicht im Rahmen der NATO, denn die Ukraine soll nach wie vor nicht in diese aufgenommen werden, was auf dem NATO-Gipfel in Vilnius kürzlich noch einmal bestätigt worden sei. Leider: Viele der angesprochenen „Schutzbalken“ hätten nicht funktioniert, um einen solchen Krieg mitten in Europa zu verhindern.

Der Jugendoffizier fasste seine Erfahrungen mit einer Friedensbotschaft zusammen: „Soldaten sind in der Regel die letzten, die einen Krieg wollen!“ Unter langanhaltendem Applaus würdigten die Schülerinnen und Schüler Besuch und Vortrag von Alexander Schäbler, ehe man sich verabschiedete und sich zum gemeinsamen Pressefoto einfand. Die 90-minütige Veranstaltung mit einem „echten Soldaten“ leistete einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Dialogfähigkeit der Schülerinnen und Schüler und zeigte sehr deutlich, dass jeder bzw. jede von uns in Konflikte und Dilemmata geraten kann, die sie bzw. er selbst aushalten oder lösen muss.

Jugendoffizier der Bundeswehr referierte - Foto: Michael Kühlthau